The following "portrait", written by Lorenz Pfrunder, was written about a year ago for Swedesh NZZ Folio. It's amazing to think a whole year has passed since then.
Ganzeer, 29, Künstler, Kairo
Der Rummel um Ganzeer begann mit den gigantischen Wandbildern, die er nach dem Sturz Mubaraks malte: ein Radfahrer, der auf seinem Kopf einen Korb voller Brot trägt und dem sich ein Panzer in den Weg stellt; riesengrosse Portraits der Märtyrer der Revolution. Ganzeers Maske der Freiheit wurde zur Ikone: Auf einem grellgelben Hintergrund sieht man den Torso eines nackten Mannes, der eine Maske aus Lederriemen trägt. Sie verschliesst ihm die Augen und verstopft ihm den Mund. An der Maske sind zwei winzige Flügel befestigt. Dazu steht im Stil eines Werbeplakats: «Neu: Die Maske der Freiheit. Ein Gruss vom Hohen Rat der Armee an die geliebten Söhne der Heimat. Jetzt erhältlich, für unbeschränkte Zeit.» Ganzeer beklebte damit die Stadt. Ein Passant fühlte sich provoziert, ein Verkehrspolizist rief die Militärpolizei, die ihn verhaftete.
Doch Ganzeer kam frei, ohne dass gegen ihn Anklage erhoben wurde. Dies habe sicher mit dem Druck zu tun, der auf das Militär ausgeübt worden sei, sagt Ganzeer. Über Facebook starteten seine Freunde eine Kampagne, bald hatten Tausende den gelben Sticker als ihr Profilbild eingestellt. Menschenrechtsgruppen, das Fernsehen und die Internetmedien berichteten darüber. Massgeblich zu seiner Freilassung beigetragen hätten aber auch «ein paar Telefonanrufe bei Leuten ganz oben im Militär». Andere hatten weniger Glück. Seit Beginn der Revolution wurden über 12 000 Zivilpersonen von Militärgerichten zu oft hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Wenn die Welt hoffnungsvoll von der «arabischen Jugend» spricht, meint sie Leute wie Ganzeer. Er ist einer der aufsehenerregendsten zeitgenössischen Künstler Ägyptens, und er macht sich seit Jahren Gedanken über die Missstände im Land. «Wir erkennen gerade, dass wir unter einer kapitalistischen Diktatur leben», sagt er. «Die Zwänge der kapitalistischen Logik lassen keinen Spielraum für individuelle Beteiligung.» Der junge Mann, der seinen bürgerlichen Namen für sich behalten will, denkt global, seine Hoffnung liegt im Internet, in der internationalen Vernetzung lokaler Gruppen. «Wir müssen uns auch im realen Leben in kleinen, gut vernetzten Gruppen organisieren. Wir können ein komplett neues System schaffen.» So spricht der 29jährige stundenlang.
Seine Theorien sind eine Mischung aus Marxismus und Science-Fiction. Er glaubt, unter der politischen Revolution Ägyptens sei eine viel bedeutendere gesellschaftliche Umwälzung im Gang. Es gehe um soziale Gerechtigkeit, die Emanzipation von Tradition und Familie, das Recht auf Mitsprache, ein neues Wirtschaftssystem. Ganzeer klagt die Generation seiner Eltern an: «Sie haben uns alle zu Autoritätshörigkeit und Apathie erziehen wollen. Insofern ist unsere Revolte ähnlich motiviert wie die westliche 68er Bewegung.»
Ganzeers Studio liegt im dritten Stock eines Gebäudes aus den 1920ern. Hier wohnt und arbeitet er zusammen mit einem Künstlerkollegen. Gedämpftes Licht sorgt für eine angenehme Stimmung, ein Elektroofen wärmt die Winterluft. Bilder sind gegen die Wände gelehnt. Im Regal stehen viele Comics, einige Bücher über Kunst und politische Theorien. Ganzeer trägt Wollsocken, stellt einen Plasticbecher mit Wasser auf den Tisch, man fühlt sich willkommen.
Ganzeer will kein Street-Artist sein, er wehrt sich auch gegen die Etiketten Grafiker, Illustrator, Künstler. «I just like to do stuff», sagt er in perfektem Englisch. Seit seine Graffiti berühmt geworden sind, hat er sogar aufgehört zu malen, weil er nicht in diese Schublade gesteckt werden will. Ausserdem sei er ohnehin pleite, Hunderte von Spraydosen könne er sich nicht mehr leisten. Auf einer weissen Wandtafel hat er mit Filzstift notiert, wem er Geld schuldet. 8700 Pfund (1370 Franken) sind es insgesamt.
Daneben stehen weitere Listen: Wen er anrufen, was er im Haushalt erledigen, was er für sein Onlinemagazin «Rolling Bulb» noch fertig machen muss. Auf dem Arbeitstisch liegen die Skizzen für einen Comicstrip, den er gerade für eine polnische Publikation zeichnet. Daneben arbeitet er an einem Filmplakat. Er hat Möbel entworfen und im Auftrag von Google eine arabische Schrift gestaltet. «Viel lieber würde ich mein eigenes Zeug machen, aber ich versuche gerade, irgendwie durchzukommen.»
Eine Diktatur der Militärjunta ist für Ganzeer die grösste Bedrohung für Ägypten. «Das Militär hat über Jahrzehnte die Gesellschaft infiltriert.» Es habe sich als Staatshüter aufgespielt, dabei sei es eine Partei mit einer politischen Agenda, wirtschaftlichen Interessen und unglaublich vielen Anhängern. Die Wahlen seien bloss ein Ablenkungsmanöver des Militärs, die Generäle hätten gewusst, dass Muslimbrüder und Salafisten gewinnen würden, und hätten sich mit ihnen arrangiert. Vor den Islamisten hat Ganzeer keine Angst. «Das sind Geschäftsleute, Mittelschicht und Mittelmass.»
Ab und zu geht Ganzeer noch auf den Tahrir. «Der Platz ist wichtig, aber ich wusste von Anfang an, dass mein Beitrag zur Revolution anderswo stattfinden muss. Ich fühle mich immer ein bisschen als Beobachter, wenn ich dort bin.» Wenn er dennoch hingeht, tut er verwirrende Dinge. Er stellt Urnen auf und verteilt Fragebogen, in denen Demonstranten nach ihren politischen Wünschen befragt werden. Ein echter Versuch von Basisdemokratie oder eine Persiflage auf die vom Militär inszenierten Wahlen? Vielleicht beides.
Auch nach dem Sturz von Mubarak bleibt Ganzeers Lebensstil vielen Ägyptern suspekt. Er lebt in einer WG, kurvt mit dem Fahrrad in der Stadt herum, trägt im Sommer kurze Hosen. Seine Freundin ist Deutschsyrerin, und manchmal geben sie sich auch in der Öffentlichkeit einen Kuss. «Viele halten mich für einen Ausländer», sagt Ganzeer. «Genau deshalb muss ich hierbleiben. Ich arbeite dafür, dass es normaler wird, anders zu sein.»
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Ganzeer, 29, Künstler, Kairo
Der Rummel um Ganzeer begann mit den gigantischen Wandbildern, die er nach dem Sturz Mubaraks malte: ein Radfahrer, der auf seinem Kopf einen Korb voller Brot trägt und dem sich ein Panzer in den Weg stellt; riesengrosse Portraits der Märtyrer der Revolution. Ganzeers Maske der Freiheit wurde zur Ikone: Auf einem grellgelben Hintergrund sieht man den Torso eines nackten Mannes, der eine Maske aus Lederriemen trägt. Sie verschliesst ihm die Augen und verstopft ihm den Mund. An der Maske sind zwei winzige Flügel befestigt. Dazu steht im Stil eines Werbeplakats: «Neu: Die Maske der Freiheit. Ein Gruss vom Hohen Rat der Armee an die geliebten Söhne der Heimat. Jetzt erhältlich, für unbeschränkte Zeit.» Ganzeer beklebte damit die Stadt. Ein Passant fühlte sich provoziert, ein Verkehrspolizist rief die Militärpolizei, die ihn verhaftete.
Doch Ganzeer kam frei, ohne dass gegen ihn Anklage erhoben wurde. Dies habe sicher mit dem Druck zu tun, der auf das Militär ausgeübt worden sei, sagt Ganzeer. Über Facebook starteten seine Freunde eine Kampagne, bald hatten Tausende den gelben Sticker als ihr Profilbild eingestellt. Menschenrechtsgruppen, das Fernsehen und die Internetmedien berichteten darüber. Massgeblich zu seiner Freilassung beigetragen hätten aber auch «ein paar Telefonanrufe bei Leuten ganz oben im Militär». Andere hatten weniger Glück. Seit Beginn der Revolution wurden über 12 000 Zivilpersonen von Militärgerichten zu oft hohen Gefängnisstrafen verurteilt.
Wenn die Welt hoffnungsvoll von der «arabischen Jugend» spricht, meint sie Leute wie Ganzeer. Er ist einer der aufsehenerregendsten zeitgenössischen Künstler Ägyptens, und er macht sich seit Jahren Gedanken über die Missstände im Land. «Wir erkennen gerade, dass wir unter einer kapitalistischen Diktatur leben», sagt er. «Die Zwänge der kapitalistischen Logik lassen keinen Spielraum für individuelle Beteiligung.» Der junge Mann, der seinen bürgerlichen Namen für sich behalten will, denkt global, seine Hoffnung liegt im Internet, in der internationalen Vernetzung lokaler Gruppen. «Wir müssen uns auch im realen Leben in kleinen, gut vernetzten Gruppen organisieren. Wir können ein komplett neues System schaffen.» So spricht der 29jährige stundenlang.
Seine Theorien sind eine Mischung aus Marxismus und Science-Fiction. Er glaubt, unter der politischen Revolution Ägyptens sei eine viel bedeutendere gesellschaftliche Umwälzung im Gang. Es gehe um soziale Gerechtigkeit, die Emanzipation von Tradition und Familie, das Recht auf Mitsprache, ein neues Wirtschaftssystem. Ganzeer klagt die Generation seiner Eltern an: «Sie haben uns alle zu Autoritätshörigkeit und Apathie erziehen wollen. Insofern ist unsere Revolte ähnlich motiviert wie die westliche 68er Bewegung.»
Ganzeers Studio liegt im dritten Stock eines Gebäudes aus den 1920ern. Hier wohnt und arbeitet er zusammen mit einem Künstlerkollegen. Gedämpftes Licht sorgt für eine angenehme Stimmung, ein Elektroofen wärmt die Winterluft. Bilder sind gegen die Wände gelehnt. Im Regal stehen viele Comics, einige Bücher über Kunst und politische Theorien. Ganzeer trägt Wollsocken, stellt einen Plasticbecher mit Wasser auf den Tisch, man fühlt sich willkommen.
Ganzeer will kein Street-Artist sein, er wehrt sich auch gegen die Etiketten Grafiker, Illustrator, Künstler. «I just like to do stuff», sagt er in perfektem Englisch. Seit seine Graffiti berühmt geworden sind, hat er sogar aufgehört zu malen, weil er nicht in diese Schublade gesteckt werden will. Ausserdem sei er ohnehin pleite, Hunderte von Spraydosen könne er sich nicht mehr leisten. Auf einer weissen Wandtafel hat er mit Filzstift notiert, wem er Geld schuldet. 8700 Pfund (1370 Franken) sind es insgesamt.
Daneben stehen weitere Listen: Wen er anrufen, was er im Haushalt erledigen, was er für sein Onlinemagazin «Rolling Bulb» noch fertig machen muss. Auf dem Arbeitstisch liegen die Skizzen für einen Comicstrip, den er gerade für eine polnische Publikation zeichnet. Daneben arbeitet er an einem Filmplakat. Er hat Möbel entworfen und im Auftrag von Google eine arabische Schrift gestaltet. «Viel lieber würde ich mein eigenes Zeug machen, aber ich versuche gerade, irgendwie durchzukommen.»
Eine Diktatur der Militärjunta ist für Ganzeer die grösste Bedrohung für Ägypten. «Das Militär hat über Jahrzehnte die Gesellschaft infiltriert.» Es habe sich als Staatshüter aufgespielt, dabei sei es eine Partei mit einer politischen Agenda, wirtschaftlichen Interessen und unglaublich vielen Anhängern. Die Wahlen seien bloss ein Ablenkungsmanöver des Militärs, die Generäle hätten gewusst, dass Muslimbrüder und Salafisten gewinnen würden, und hätten sich mit ihnen arrangiert. Vor den Islamisten hat Ganzeer keine Angst. «Das sind Geschäftsleute, Mittelschicht und Mittelmass.»
Ab und zu geht Ganzeer noch auf den Tahrir. «Der Platz ist wichtig, aber ich wusste von Anfang an, dass mein Beitrag zur Revolution anderswo stattfinden muss. Ich fühle mich immer ein bisschen als Beobachter, wenn ich dort bin.» Wenn er dennoch hingeht, tut er verwirrende Dinge. Er stellt Urnen auf und verteilt Fragebogen, in denen Demonstranten nach ihren politischen Wünschen befragt werden. Ein echter Versuch von Basisdemokratie oder eine Persiflage auf die vom Militär inszenierten Wahlen? Vielleicht beides.
Auch nach dem Sturz von Mubarak bleibt Ganzeers Lebensstil vielen Ägyptern suspekt. Er lebt in einer WG, kurvt mit dem Fahrrad in der Stadt herum, trägt im Sommer kurze Hosen. Seine Freundin ist Deutschsyrerin, und manchmal geben sie sich auch in der Öffentlichkeit einen Kuss. «Viele halten mich für einen Ausländer», sagt Ganzeer. «Genau deshalb muss ich hierbleiben. Ich arbeite dafür, dass es normaler wird, anders zu sein.»
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